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Eine persönlicher Erklärungsversuch

Die Innere Führung ist wie so vieles in der Bundeswehr in einer zentralen Dienstvorschrift, der zDV 10/1, ausgestaltet. Dort heißt es, dass die Innere Führung die „Grundlage für den militärischen Dienst in der Bundeswehr bestimmen und das Selbstverständnis der Soldatinnen und Soldaten“ prägen soll. Weiter soll die innere Führung Leitlinie sein für die „Führung von Menschen“.

Erdacht wurde die Innere Führung als Führungskonzeption einer deutschen Armee schon einige Jahre vor dem Gründungsjahr der neuen Bundeswehr im Jahre 1955. Federführend war damals Major der Reserve Wolf Graf von Baudissin, der noch immer in jeder Diskussion zu diesem Thema an prominenter Stelle genannt wird.

Natürlich war den Gründungsvätern der Inneren Führung genau wie jenen des Grundgesetzes vor allem ein Thema präsent: wie konnte für die Bundesrepublik Deutschland ein Gerüst aufgestellt werden, dass Gräueltaten wie jene während des Naziregimes in Zukunft unmöglich macht?

Während dem Grundgesetz als Lehren aus Weimar und der Nazizeit unter anderem ein geschwächter Chef der Exekutive, die demokratische Wehrhaftigkeit und der in vorderster Linie platzierte Artikel zur Menschenwürde eingetragen wurden, sollte das Äquivalent für die Bundeswehr die Innere Führung werden.

Es gilt heute in den Geschichtswissenschaften als unumstritten, dass neben dem Polizeiapparat Himmlers und dessen militärischen Panzer-SS Einheiten auch die Wehrmacht an Kriegsverbrechen und an dem Genozid an den Juden beteiligt waren. Bis heute wird allerdings auch unter Soldaten der Bundeswehr diskutiert, ob auch Wehrmachtsangehörige, die nicht Widerstand leisteten, dafür aber treu ihrem Land dienten, den Traditionslinien der Bundeswehr hinzugefügt werden könnten.

Die Gründer der Inneren Führung hatten mit ihrem Konzept im Sinn, den Soldaten der Bundeswehr das Werkzeug an die Hand zu geben, um nicht Mitläufer eines Genozids, bei Massenmorden und Angriffskriegen sein zu müssen und sogar  gar nicht zu können. Darum bezieht sich die innere Führung auf folgende Punkte:

  • Integration in Staat und Gesellschaft: dadurch Verhinderung des „Staats im Staate“
  • Legitimation des Auftrages der Bundeswehr in ethischer, rechtlicher und politischer Hinsicht sowie Grenzen für das militärische Befehlsschema „Befehl und Gehorsam“
  • die Verwirklichung wesentlicher staatlicher und gesellschaftlicher Werte in den Streitkräften
  • Führen mit Auftrag: das bedeutet Anforderung an den Befehlsausführenden. Dieser muss innerhalb der Grenzen des Auftrages eigenständig handeln.
  • das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform

Diese Punkte sollten auch den einzelnen Soldaten verantwortlich machen für sein Handeln, sie sollten bezwecken, dass sich kein Bundeswehrsoldat hinter dem militärischem Gehorsam verstecken kann, wie es so viele nach dem zweiten Weltkrieg taten. „Ich habe nur meine Pflicht getan“, so argumentierten nicht nur die einfachen Soldaten und Offiziere, sondern auch die Hauptschuldigen in Nürnberg, wie Eichmann, Göhring und Höß.

Denn, so die Frage damals, wie konnte man noch die Auffassung vertreten, ein Land wie Deutschland benötigte Militär, nachdem es doch gerade erst einen Weltkrieg mit geschätzten 60 Millionen Toten verursacht hatte? Die Umstände des kalten Krieges machten eine Wiederbewaffnung wohl unausweichlich, aber damit war noch nicht die Frage beantwortet, welches Militär man denn haben möchte.

Es musste eine demokratisch eingebundene Parlamentsarmee sein, die dem Primat der Politik untergeordnet sein sollte und dessen Soldaten unmöglich zu gewissenslosen Gehorsamsmaschinen instrumentalisiert werden könnten.

Soldaten der Bundeswehr sind als „Staatsbürger in Uniform“ eben nicht nur Soldaten, sondern auch Staatsbürger mit Wahlrecht und Grenzen in ihrer Loyalität zum Militär, wenn höher stehende Prinzipien wie jene des Grundgesetzes oder des internationalen Rechts es erfordern.

Wo diese Grenzen der Gehorsamspflicht liegen, das soll die Innere Führung ausloten. Der Begriff „Innere“ Führung ist dabei wörtlich zu nehmen. Denn es handelt sich nicht nur um die Führungskonzeption innerhalb der Bundeswehr, sondern auch die „innere Führung jedes einzelnen Soldaten“, also seine eigene innere Führung, seine eigene Gewissensfreiheit.

Schließlich dürfen auch Soldaten sich auf das Grundrecht der Gewissensfreiheit berufen, was in bekannten Fällen bereits geschah (siehe Fall Pfaff). Das Gewissen ist natürlich ein nicht zu definierendes Phänomen, weshalb das Recht und Gesetz des Grundgesetzes als Rahmen dient. Nicht allen Befehlen muss der deutsche Soldat deshalb gehorchen, wenn sie Beispielsweise internationalem Recht oder den Prinzipien des Grundgesetzes widersprechen. Gleichzeitig ist jeder Soldat auch unteilbar persönlich für seine Taten verantwortlich.

Was soll ich tun? Eine ethische Grundsatzfrage, die auch im Militär nicht durch „Kadavergehorsam“ ersetzt werden kann.

Hohe Ansprüche werden da an deutsche Soldaten gesellt. Sollen deutsche Soldaten sich an Einsätzen im Ausland beteiligen? Was ist mit humanitären Einsätzen? Ist eine reine Verteidigungsarmee noch zeitgemäß? Beteiligt sich die Bundeswehr indirekt an Einsätzen oder Missionen, die den deutschen Ansprüchen nicht genügen und mit den Werten einer pazifistischen Gesellschaft nicht vereinbar sind? Kann ich es persönlich vertreten, mit der Waffe in der Hand meinem Land zu dienen? Kann ich als Soldat auch Menschen fremder Nationalität dienen?

Derlei Fragen muss sich jeder Soldat stellen und ist am Schluss sein eigener Vorgesetzter.

Drei Bücher haben mein eigenes Verständnis von der Inneren Führung geprägt. Historisch aufgearbeitet hat die Frage, wie „ganz normale Menschen zu Massenmördern werden können“ Christopher Browning in seiner Analyse der Taten des berüchtigten Reservepolizeibataillons 101. Sein Ergebnis: die Männer dieser Einheit, die im Zuge der Endlösung der Judenfrage tausende Juden eigenhändig aus nächster Nähe erschossen, waren weder notwendigerweise überzeugte Nazis noch gefühlskalte Unmenschen. Natürlich, auch diese gab es, wie er in seinem Buch unangenehm anekdotenreich klarmacht. Doch die meisten der Männer taten einfach, was sie für ihre Pflicht hielten, und gewöhnten sich daran, täglich Menschen per Genickschuss zu tötet, von denen sie wussten, dass sie unschuldig waren. Diese Männer versteckten sich dahinter, alleine nichts ausrichten zu können und reihten sich stattdessen ein in die lange Schlange der Henkersknechte, auch ohne persönlich überzeugt von ihrem Handeln zu sein. Siegfried Lenz beschrieb in seinem Buch „Deutschstunde“, wie die „Freuden der Pflicht“ dazu führten, dass die deutschen in dieser Zeit gehorsam folgten, statt zu tun, wovon sie wussten, dass es das richtige gewesen wäre. Der fehlende Mut des Einzelnen der Gruppe zu widerstehen bildete demnach die Grundlage für den Naziterror. Kleine Schritte der Feigheit führten in die Katastrophe, so lautet die Aussage des Buches. Schließlich wird Camus‘ „Die Pest“ auch in der Hinsicht gedeutet, dass eine abscheuliche Gefahr so lange geleugnet wird, bis sie nicht mehr abzuwenden ist. Aus Panik vor dem, was wahrscheinlich kommt, verfällt in diesem Buch eine ganze Stadt in Lethargie, statt die Bedrohung einzudämmen und ihr die Zerstörungskraft zu nehmen. Stattdessen wütet die „Pest“ anschließend lange fast ungebremst und fordert unzählige Opfer.

In den dreien Büchern könnte man den Verantwortlich die Frage in den Mund legen: „Was kann ich denn schon tun?“

Die Innere Führung soll eine solche Attitüde in der Bundeswehr verhindern, so mein persönliches Verständnis.

Gerechtfertigter Weise merken Kritiker gerne an, dass der zweite Weltkrieg immerhin 70 Jahre vorüber ist und dass die innere Führung sich nicht nur in Abgrenzung zu ihm definieren kann. Natürlich muss die Innere Führung ein „lebendiges Instrument“ sein. Sie muss gestaltet und aktualisiert werden, und das am laufenden Band.

Beteiligen müssen sich daran die Soldaten der Bundeswehr, denn sie sind die Verantwortlichen. Doch nicht nur sie. Würden sich außer den Soldaten keine Menschen an der Ausformung des Konzepts beteiligen, wäre der ganze Aufwand umsonst.

Verantwortlich für das Militär sind nicht nur Soldaten, sondern alle, die in Deutschland leben und demokratisch partizipieren können. Also Wahlberechtigte, die die Zusammenstellung des Parlaments beeinflussen genauso wie noch nicht Wahlberechtigte, die sich beginnen für Sicherheitspolitik zu interessieren und an Diskussionen beteiligen. Pazifisten, die am liebsten nichts mit dem Militär zu tun hätten genauso wie Immigranten aus Afghanistan, die die Bundeswehr persönlich im Einsatz erlebt haben. Vieles kann dabei unserer Meinung nach als politisches Statement mit Strahlkraft dienen. Am Münchner Hauptbahnhof einen Teddy an Bedürftige verschenken genauso wie einen Leserbrief an eine Tageszeitung zu schreiben. Auch ein Internetforum kann darum der politischen Partizipation dienen.

Welche Bundeswehr wollen wir?

Die Antwort auf diese Frage hängt eng mit der Inneren Führung zusammen.

Im Forum Athene soll ein Beitrag zur Beantwortung dieser Frage geleistet werden. In einer offenen Diskussion, in der nur das bessere Argument zählt.

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Autor: Forum Athene

Raphael Breuer, 23

Leutnant der Reserve, ehemals Heeresausfklärungstruppe