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Bild: ARD-Mediathek

Welcher Soldat kann so etwas? – Und muss ein Soldat so etwas können?

ARD Fernsehfilm: Terror und Bundeswehr, Menschenwürde versus Verteidigungsfähigkeit: die Fernsehadaption von Ferdinand von Schirachs Theaterstück hält auch viele Fragen des Selbstverständnisses deutscher Soldaten bereit.

 Ein junger Offizier vor Gericht in Berlin. Florian David Fitz als Major, Burghart Klaußner als Richter rund Martina Gedeck als Staatsanwältin verkörpern die Protagonisten im hochkarätig besetzten Film, der am 17.10.2016 zur besten Sendezeit in der ARD lief. Der Soldat ist Angeklagter und das Verfahren wird filmisch aufgearbeitet.

Die Besonderheit: Das Urteil am Ende des Gerichtsverfahrens wurde per Telefonvotum von den Zuschauern gefällt. Fast 90% stimmten für „Unschuldig“ nur etwas über 10% für „Schuldig“. Leider die einzigen Optionen denn zugunsten des dramaturgischen Effekts wurden wichtige Alternativen ausgeblendet, wie Heribert Prantl von der SZ und Marie Schmidt von der Zeit bemängeln. Der „Populisten-Porno“, so schreibt Prantl, würde die antisystemische Stimmung einiger politischer Splittergruppen nur noch anheizen.

Der Fall: Der Luftwaffenpilot Major Lars Koch hat im Lehrbuchfall eines Flugzeug-Hijacking als Rottenführer einer Notfallflugzeugstaffel ein Passagierflugzeug abgeschossen, das drohte, in die ausverkaufte und zu diesem Zeitpunkt voll besetzte Allianz Arena in München zu krachen (fiktiver Fall). Er handelte damit aber entgegen der Entscheidung vom Bundesverfassungsgericht aus dem Jahre 2006 und entgegen der Befehle seiner Vorgesetzten. Das Bundesverfassungsgericht legte Art. 1 des Grundgesetzes zugunsten der Unaufwiegbarkeit von Menschenleben aus. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Der Staat darf den einzelnen Menschen nicht zum bloßen Objekt seines Handelns machen. Auch wenn es um die Aufgabe des Staates geht, die Menschen innerhalb seines Territoriums zu schützen, kann darum nicht der vom Staat geopfert werden, um den anderen zu retten.

Sprich: auch wenn die 70.000 Menschenleben in der Allianz Arena gefährdet sind, dürfen die 164 Passagiere im Flugzeug vom Staat nicht geopfert werden, weil die Würde des Menschen nach der Überzeugung des Verfassungsgerichtes ein unendliches Gut ist und nicht verglichen werden kann.

Der Rottenführer Major Koch ist zur Untätigkeit verdammt, rechts wegen. Doch er handelt gegen das positive Recht und gegen seine Befehle und schießt das Flugzeug ab. Mutmaßlich, um viele Leben in der Allianz Arena zu retten, und ohne genau zu wissen wie die Situation im Flugzeug gerade aussieht. Werden die Entführer von den Passagieren überwältigt? Ist wirklich die Allianz Arena das Ziel?

Die rechtlichen Fragen, obgleich hoch interessant, sind allerdings nicht das Thema des Forum Athene. Vielmehr interessant ist an dieser Stelle die Äußerung des Soldaten, Staatsräson wäre für ihn auch nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes an der Tagesordnung. Denn der Staat, die Bundesrepublik Deutschland, hätte seine Soldaten schließlich auch zu dem Zwecke vereidigt, im Zweifelsfall tapfer zu kämpfen und zu sterben, um so eine Vielzahl von Menschenleben zu bewahren.

„Wo liegt der Unterschied“, scheint der Angeklagte in seinen Aussagen zu implizieren „natürlich muss man in Extremfällen abwägen, und das auch zwischen wenigen und vielen Menschenleben.“

Im Film wird betont, dass trotz Rechtslage und Befehlsschema am Ende der Pilot derjenige ist, der die letztinstanzliche Gewalt über Abschluss oder Abdrehen ist. Es gibt keine Fernsteuerung oder ähnliche Beeinflussung der Eurofighter Waffen. Ein einziger Soldat trägt die Verantwortung, einen Befehl auszuführen, der wiederum vom Recht reglementiert ist. Und dieser Befehl verdammt ihn entweder dazu, untätig zuzusehen, wie ein Passagierflugzeug in ein riesiges und mit Menschen aufgefülltes Fußballstadion rast. Oder aber ihm wird die folgenschwere Aufgabe übertragen, ebenjenes Flugzeug zu zerstören und seine Passagiere damit in den sicheren Tod zu reißen. Im jedem Fall sterben Unschuldige, und ein Soldat der Bundeswehr wird nicht mehr leben können wie vorher.

„Sie haben sich freiwillig für den Dienst als Soldat entschieden. Niemand hat Sie gezwungen!“, sagt die Staatsanwältin dazu. Natürlich hat sie Recht, die Bundeswehr ist heute eine Freiwilligenarmee, es gibt keinen Wehrdienst mehr. Sie sagt weiter der Major hätte „die Menschen in seiner Hand zu bloßen Objekten staatlichen Handelns gemacht“, indem er Sie opferte. Der Soldat als Teil der Exekutive und als wesentlich ausführender des staatlichen Gewaltmonopols ist in der Lage, genau das zu tun, was der Artikel 1 des Grundgesetzes verhindern will. Die Degradierung des Menschen zum Objekt. Und der Soldat als Teil der bewaffneten Streitkräfte nimmt dem Menschen bei dieser Handlung das Leben. Dies unterscheidet ihn von anderen Staatsbediensteten.

Major Koch argumentiert, dass doch auch sein Leben geopfert würde. „Ich habe einen Eid geschworen, nämlich der Bundesrepublik treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“ sagt er. „Dieser Eid bedeutet, dass der Soldat sein Leben opfern muss […]. Aber das heißt doch nichts Anderes als dass der Staat das Leben des Soldaten aufwiegt gegen die Gefahren, die der Gemeinschaft drohen. Ich will damit sagen, dass der Staat es nicht ausschließt, dass ein Mensch bewusst geopfert wird.“

Für den Offizier im Film war Kampfpilot ein Kindheitswunsch, und mit harter Arbeit und guten Schulnoten hat er ihn sich erfüllt. Die Figur Major Koch war exzellenter Schüler und ausgezeichneter Soldat. „Es gibt in Deutschland weniger Eurofighter Piloten als Herzchirurgen“ sagt Koch. Einer von 10.000 Bewerbern sitzt endlich im Cockpit, und von diesen Piloten dürfen nicht alle Eurofighter fliegen. Die Hürden sind hoch. Wer bewältigt diese Hindernisse? Und sind das Menschen, denen eine solche Verantwortung zugestanden werden darf?

Soldaten sind in erster Linie Kämpfer. Im militärischen Kampf geht es um Leben und Tod, da gibt es nichts zu schönen. Wer ist in der Lage, im Rahmen unserer rechtlichen und moralischen Wertvorstellungen im Falle eines Falles eine Entscheidung zu treffen, die den Tod des einen oder des anderen Menschen bedeutet? Es geht im Film um die Opfer, die ein Staat bringen darf oder eben nicht. Aber wer ist das, der Staat? Gibt es ihn denn? Als Person, die handelt und entscheidet? Am Ende ist der Staat ein Mensch, eine Person, ein Soldat, wie Major Koch.

Man kann nicht von jedem Bewerber der Offizierslaufbahn verlangen, wie die Figur des Major Koch das beste Matheabitur seines Jahrgangs in ganz Baden-Württemberg geschrieben zu haben. Welche Qualitäten und Fähigkeiten sind essenziell für einen Offizier mit vergleichbarer Verantwortung, wie sie Major Koch im Cockpit seines Kampfjets und später im Gerichtssaal trug?

Major Koch hat sich im Rahmen seiner Verwendung einer Eingreifrotte in Neuburg an der Donau sehr intensiv mit den Implikationen dieser besonderen Verwendung auseinandergesetzt. Den Extremfall, den er dann ja tatsächlich am eigenen Leibe erfahren musste, hatte er zuvor schon in Gedanken durchgespielt und war zu dem Schluss gekommen, dass er in einem solchen Fall schießen würde. Nicht jeder Soldat wird sich in diesem Umfang mit seinem Auftrag beschäftigen.

„Wer ein Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt“ heißt es metaphorisch. Zerstört jemand im Umkehrschluss auch die Welt, wenn er nur ein Leben nimmt? Schließlich will Autor Ferdinand von Schirach auf den Wert der Menschenwürde im Grundgesetz hinaus. Ein Leben ist alle Leben wert, nicht einmal alle Leben dürften gerettet werden, indem auch nur ein Leben geopfert wird. Nicht weil einem Menschen das Leben genommen wird, sondern weil sein Dasein auf seine Singularität, auf die eins gegen viele, reduziert wird und damit von der Staatsräson zum „bloßen Objekt staatlichen Handelns“ degradiert wird.

Wie kann es in Deutschland nach diesem Prinzip überhaupt Soldaten geben? Liegt dem ein Fehlschluss zugrunde?

Wie weitreichend muss sich ein Soldat also mit seiner Aufgabe befassen, und was verlangen wir von den Soldaten der Bundeswehr in dieser Hinsicht? Auch diese Frage stellt das Theaterstück von von Schirach.

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Autor: Forum Athene

 Raphael Breuer, 23

Leutnant der Reserve, ehemals Heeresausfklärungstruppe