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Leitbild deutscher Soldaten

Ähnlich wie die Innere Führung war das Konzept des „Staatsbürgers in Uniform“ eine Konsequenz aus der militäristischen Vergangenheit Deutschlands und sollte der Bundesrepublik ein Militär bescheren, dessen Soldaten nicht zu willenslosen Befehlsbefolgern missbraucht werden können.

Das Konzept der Inneren Führung ist eng an das Leitbild und Ideal des Staatsbürgers in Uniform geknüpft, gemeinsam bilden sie das gedankengeschichtliche Gründungsmomentum der Bundeswehr.

Der Staatsbürger in Uniform ist ein Konzept, welches den Soldaten einerseits in seiner Funktion betrachtet, ihm andererseits aber gleichzeitig die Rechte des gesellschaftlichen Individuums sichert. Waren in den deutschen Soldaten während des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und der Nazidiktatur Soldaten noch in einer militärischen Parallelgesellschaft eingeschlossen, sollten die Soldaten der Bundeswehr trotz ihres Dienstes in der Armee nicht auf diesen reduziert werden. Sie sollten auch elementarer Bestandteil der Zivilgesellschaft sein. Sie sollten wählen dürfen und sich politisch beteiligen können wie alle anderen Deutschen auch und so durch politische Partizipation am Tagesgeschehen teilhaben können.

Mit Soldaten, die neben ihrer Rolle als Militärs auch Staatsbürger mit all den damit einhergehenden Rechten sind, sollte verhindert werden, was in den politischen Systemen vor 1949 dafür sorgte, dass sich ein militärpolitisches Subsystem entwickelte. Dieses System war völlig eigenständig organisiert und in monarchischen oder quasimonarchischen Strukturen nur wenigen Entscheidungsträgern außerhalb des Militärs verantwortlich. Wie dem Kaiser, dem Reichspräsidenten oder dem Führer.

Das Militär wurde so zum Staat im Staate, eine Struktur, in der eigene Gesetze und Normen galten und die sich der Gesellschaft nicht verantwortlich fühlen musste, sondern eigene Ziele sowohl in militärischen als auch in sicherheits- und sozialpolitischen Fragen formulierte. Die Soldaten waren, wie es auch heute noch der Fall ist, kaserniert. Familien der Offiziere wurden in eigens geschaffenen Siedlungen untergebracht. Die militarisierte Gesellschaft übernahm vielmehr die Werte des Militärs, als es umgekehrt der Fall gewesen wäre. Militärischer Habitus und Sprachgebrauch fanden auch in der Alltagskultur Eingang. „Ham se jedient?“, eine Frage, deren Antwort sozialen Status entscheidend beeinflusste. In der zwar für Österreich exemplarischen Novelle „Lieutnant Gustl“ wird anschaulich dargestellt, wohin diese Abspaltung des Militärs und seine elitäre Haltung gegenüber Ungedienten führte: ein völliges Unverständnis der Armee und seiner Soldaten für das Leben und die Vorstellungen außerhalb ihres Alltags innerhalb des Kasernenzauns.

Preußische Tugenden wurden zum Teil pervertiert, und Patriotismus genügte als Motivation für irgendeinen Krieg, wie unbegründet oder unsinnig er auch sein mochte. Fragen über die Zweckmäßigkeit des Kampfes wurden nicht gestellt, stattdessen glatt der Kampf als Wert an sich, in dem sich das Militär zu Beweisen hat.

Die Bundeswehr hingegen sollte nicht so funktionieren. Sie sollte der Politik verantwortlich sein, also wurde das Primat der Politik verfasst. Die Bundeswehr wurde eine Parlamentsarmee, die durch die Entscheidungen der Volksvertretung gelenkt wird. Und in den sicherheitspolitischen Ausschüssen wie im Verteidigungsministerium sitzen zivile Mitarbeiter und Experten neben Staatssekretären und parlamentarischen Staatssekretären. Der Minister muss nicht gedient haben, um seine Arbeit zu tun und Generäle haben nicht die Möglichkeit, militärischen Allmachtfantasien Leben einzuhauchen, wohl aber, als meinungsstarke Berater im Ministerium und im politischen Diskurs bereitzustehen.

Der einzelne Soldat selbst ist nicht in der einzigen Rolle des Befehlsbefolgers gefangen, sondern hat ständig auch andere Pflichten im Sinn, die er gegen jene des Soldaten abzuwägen hat. Die gesellschaftlichen Werte in Deutschland, festgehalten im zuerst nur als Interimslösung gedachten Grundgesetz, stehen über den militärischen. Bei Verfehlungen im Dienst haben Soldaten nicht nur dienst- sondern auch zivilrechtliche Konsequenzen zu befürchten. Außer Dienst und ohne Uniform zu tragen dürfen Soldaten sich politisch in Parteien beteiligen und auf Demonstrationen gehen, dies ist sogar ausdrücklich erwünscht. Der Bundeswehrverband ist eine Gesellschaft für die Armee und der Wehrbeauftragte überwacht die ordentliche Behandlung der Soldaten sowie die Funktionsweise der Armee innerhalb gesellschaftlicher und politischer Richtlinien. Was heute selbstverständlich klingt, war jedoch keineswegs immer so.

Wieder werden hohe Ansprüche an den Soldaten gestellt. Ansprüche, die manche immer noch für weltfremd halten und einen gedanklichen Wandel der Bundeswehrphilosophie fordern: der archaische Kämpfer solle den Staatsbürger in Uniform ersetzen. Das Ideal des Spartaners, des Kämpfers, solle das des Atheners, des gebildeten Soldaten, aus dem Bild drängen.

Die Diskussion dieses Konzeptes halte ich persönlich für inakzeptabel. Sie rüttelt an den Grundfesten der Bundeswehr und deren Abgrenzung von den Fehlern der Vergangenheit. Eine immer verknüpftere Welt fordert Soldaten, denen es nicht an Weitsicht mangelt und deren Horizont sich nicht auf militärische Erfahrungen beschränkt. Zu fordern, die Bundeswehr müsste zurück in die Vergangenheit, zurück nach Preußen, ist nicht nur geschichtsvergessen, sondern trägt nicht einmal zur Zukunftsfähigkeit der Bundeswehr bei. Konflikte sind nicht mehr schwarzweiß, wie scheinbar einmal war. Rumpelnde Haudraufs können vielleicht in einer Kraftanstrengung in wenigen Wochen Frankreich erobern, aber heutzutage möchte niemand mehr Frankreich erobern. Soldaten müssen sensibilisiert werden dafür, dass ihre Handlungen weitreichende Folgen haben und vor allem in einen meist globalen Kontext eingeordnet sind.

Die Forderung nach Rückkehr zu preußischen Idealen versucht nur halbherzig, einen Wunsch nach einer einfacheren Welt zu kaschieren. Der einfache Weg ist aber selten der richtige. Stattdessen müssen deutsche Soldaten heute mehr denn je den scheinbaren Widerspruch ihrer Rollen aushalten, der eigentlich ein Imperativ ist.

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Autor: Forum Athene

Raphael Breuer, 23

Leutnant der Reserve, ehemals Heeresaufklärungstruppe