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Studenten der 68er Bewegung. Foto: NDR

Über das Bild des Offiziers zu sprechen, bedeutet sich selbst zu reflektieren. Woher kommen wir, wo stehen wir und wohin soll die Reise gehen? – Seit Bestehen der Bundeswehr stehen diese historischen Fragen im Raum, denn der deutsche Sonderweg ist auch ein Sonderweg militärischer Art. Das Offizierkorps selbst erfuhr seine Daseinsberechtigung in Staat und Gesellschaft stets gemäß dem jeweiligen Geist der Zeit, ob nun Potsdamer Oberleutnant oder durchdrungener Napola Absolvent. Der Wandel, der sich im System von Werten, Normen und Sanktionen ganz natürlich vollzieht, ist eine Art Survival of the Fittest: Nur der angepasste Tugendmensch, der in seinem Selbstbild und seiner Sichtweise auf Andere mit der Zeit geht, erfährt Akzeptanz. Übertragen auf das Jahr 2016 heißt das, sich der weltoffenen Gesellschaft anzunehmen und sich neuen sozialen Erscheinungen nicht zu verschließen. Zur gleichen Zeit müssen wir uns über unsere Herkunft im Klaren sein, um überhaupt unsere soziologische Rolle zu verstehen – sowohl die, die uns auferlegt ist, als auch die, die wir uns selbst geben.

Die Traditionslinien stehen im Spannungsfeld mit der natürlichen historischen Entwicklung von Werten und Normen

Das Bild des Offiziers bedarf auch einer militärhistorischen Herleitung und damit einer Betrachtung der Traditionslinien

Mit der Aufstellung der Bundeswehr ging das Eingeständnis einher, dass mit dem Nationalsozialismus eine über sehr lange Zeit hergeleitete Tradition unwiderbringlich erloschen sein muss. Die Folge war wenn schon keine Sinnkrise, zumindest eine Sinnfrage, die in der Anpassung an die neuen politischen Rahmenbedingungen Halt suchte. Werte und Normen standen auf der Tagesordnung, die einerseits eine Distanzierungsfunktion, sowie andererseits eine Rückbesinnung auf übrig gebliebene, prä-1933-Epochen beinhalteten. Die auserwählten, neuen Traditionslinien sind für sich genommen durchaus schlüssig, wenn Distanzierung und Rückbesinnung als Leitmotive dienen sollen, allerdings scheint die Auswahl der Traditionslinien dann und wann doch etwas heterogen. Ein grundsätzliches Problem, denn wo einige englische Regimenter auf mehrere hundert Jahre Geschichte zurückblicken können, sind die Restbestände traditionsfähiger Wehrgeschichte in Deutschland vergleichsweise dünn. In jedem Falle kann man sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Antworten auf die Identitätsfrage nicht einfach durch Traditionslinien vorgegeben werden können, sondern sich mit der Zeit entwickeln müssen. Das haben die Autoren des Traditionserlasses – genannt ,,Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr‘‘   – auch erkannt und jeder geschichtsaffine Soldat darf sich in gewissem Rahmen sein eigenes Bild machen.
Und gerade hier beginnt auch die Bedeutung von aufrichtiger Tradition. Denn Rückbesinnung auf Tradition spendet vor allem dann Halt, wenn die Identitätsfrage durch eine abrupte Sicht der Dinge entsteht, die sich nicht setzen lassen konnte. Darum ist Rückbesinnung auch wichtig, weil wir uns dann und wann selbst betrügen, wenn wir uns aus dem Affekt heraus gegen unsere eigene Herkunft wehren wollen, was auch bedeutet, den Schlussstrich zu setzen. An der richtigen Stelle versteht sich, denn was uns ausmacht, ist eben nicht immer das, wofür wir uns auf Grund von Opportunitätsgründen entscheiden wollen.

Die Zukunft liegt in der erfolgreichen Gratwanderung zwischen Tradition und Wandel

Antworten auf die Fragen: ,,Wer sind wir, woher kommen wir und wohin steuern wir?‘‘ können wir nur bekommen, wenn wir uns nicht selbst belügen.

Werte und Normen spielten in der deutschen Armee immer eine große Rolle, insbesondere im Offizierkorps, das sich seit jeher über eine genaue Deklination von Tugenden und deren Verinnerlichung definiert. Die Vergangenheit kommt insbesondere dann in Konflikt mit der Gegenwart, wenn es um Werte geht. Die Wahrnehmung mancher Werte unterliegt in der Bundeswehr interessanterweise einer gezielten Auswahl, obwohl selbige Werte an sich die gleichen geblieben sind. Ein Beispiel dafür ist die Petition zur Neustiftung des Eisernen Kreuzes als neue Tapferkeitsauszeichnung in der Bundeswehr im Jahr 2007, denn hier darf nun ein und dieselbe Tapferkeit nicht mehr das sein, was sie war. Obwohl das Symbol des Eisernen Kreuzes jedes Fahrzeug und jeden Briefkopf in der Bundeswehr ziert, wurde der Vorschlag einer Neustiftung abgelehnt. Nicht nur weil kein konkreter Stiftungsanlass vorlag, sondern auch, weil die Parallelen zum Dritten Reich zu groß seien.   Eine These, die nur vordergründig eine Distanzierungsfunktion zum Nationalsozialismus bedient, denn historisch ist diese Behauptung natürlich nicht ganz korrekt. Unnötig zu erwähnen, dass das Eiserne Kreuz in den Befreiungskriegen gestiftet wurde und also die preußischen Heeresreformer – die ja ihrerseits eine Traditionslinie darstellen – zu den ersten Trägern dieser Auszeichnung gehörten. Dass der Traditionserlass der Bundeswehr das Eiserne Kreuz ausdrücklich als ,,Sinnbild für Tapferkeit … und Ritterlichkeit‘‘ nennt, muss den Entscheidungsträgern zweifellos bekannt gewesen sein. Eine verpasste Chance also, was den aufrichtigen Umgang mit der eigenen Tradition angeht und nur eines von vielen Beispielen für einen herzhaften Eingriff in das, was wir sind.
Worauf es ankommt, ist, sich gewissen Themen nicht dort zu verschließen, wo ein Identifikationsverbot offensichtlich unbegründet ist. Sondern eine pietätvolle, betontermaßen konstruktive Öffnung gegenüber der eigenen Vergangenheit in die Wege zu leiten. Zugegeben, der Wortlaut des Traditionserlasses macht jeden Leser nach seiner Façon glücklich, sodass alle Auffassungen vom Umgang mit Geschichte sich darin wiederfinden. Wenn wir aber die Suche nach uns selbst gleich kategorisch unterbinden, dann wird es auch in Zukunft zahlreiche Aufsatzsammlungen, Debatten und Podiumsdiskussionen geben.

Auch die Tradition des operativen Denkens ist ungebrochen und beachtenswert

Um eines gleich vorweg zu nehmen: Das Verbrechen des Nationalsozialismus ist in der Geschichte ohne Beispiel, zudem ist in der Forschung heute unumstritten, dass die nationalsozialistische Ideologie vom rein fachlichen, operativen Denken der Wehrmacht dann und wann nicht trennbar ist und hauptsächlich mit dem Fall Barbarossa mit diesem verwoben wurde.  Erwiesen ist jedoch auch – so etwa in der neuesten Studie von Gerhard Groß  – dass das Operative Denken im deutschen Heer spätestens seit 1869  im Kern praktisch gleich geblieben ist, wenn man absieht von der vorübergehenden Weisheit: ,,Wo der deutsche Soldat steht, da bleibt er‘‘ . Dass der unreflektierte Dogmatismus in operativen Fragen und die Ignoranz gegenüber politischen Einflüssen zweimal in die Niederlage mündeten, ist dabei mit einberechnet. Denn mit den stattgehabten Fortschritten in der Clausewitzforschung nach 1945  haben wir auch die folgenreichen Missverständnisse von Clausewitz‘ Theorie weiter aufgedeckt und damit auch die Fehlrezeptionen unserer geistigen Vorgänger . Durch die Überführung der Operationsart Stabilisierung in unser modernes, operatives Denken sind wir auch keineswegs in veralteten Denkmustern verfangen, sondern mit der Zeit gegangen. Wir können also sagen, wir haben verstanden.
Ein Anknüpfungspunkt für das Bild des Offizierkorps kann also das fachliche Selbstverständnis von Truppenführung sein. Weniger die Vorstellung vom militärfachlichen Spezialistentum fernab politischer Einflüsse. Sondern nur das Traditionsbewusstsein für operative Militärtheorie. Dass sie wie bereits erwähnt in diesem Rahmen seit Clausewitz nicht an Gültigkeit eingebüßt hat, darüber legt insbesondere auch die vormalige Heeresdienstvorschrift 100/100 eindrucksvoll Zeugnis ab, was kaum bekannt ist.  Weil das so ist, kommen wir nicht umhin zuzugeben, dass noch einiges an operativem Erbe in uns steckt.  Auch aus nicht traditionsfähigen Epochen, ob wir uns nun dagegen wehren wollen oder nicht. Wenn wir jedoch den rein fachlichen Aspekt herausgreifen, haben wir wieder die Chance, aus der Operationsgeschichte zu lernen und den eigenen Blick für Truppenführung zu schärfen, denn es ist nun keineswegs so, dass jene Art von konventionellen Konflikten für die Zukunft ausgeschlossen ist. Besonders wenn man bedenkt, dass jeder Krieg wie ein ,,wahres Chamäleon‘‘  und damit praktisch einzigartig ist. Ein solches Aufgreifen unserer eigenen Operationsgeschichte wäre auch kein brandneues Unterfangen, denn ein Schritt in diese Richtung wurde bereits in den 1980er Jahren gewagt  – zu Recht. Oder die Handreichung ,,Grundsätze der Truppenführung im Lichte der Operationsgeschichte von vier Jahrhunderten‘‘ von 1999, ein Beiwerk zur ehemaligen HDv 100/100 für Operationsgeschichte, in der auch der Westfeldzug 1940 oder Mansteins Rochade Erwähnung finden.
Der Anspruch muss also sein, mehr Tradition zu wagen, mehr Mut zu haben bei der Herausstellung gemeinsamer Elemente zwischen den Epochen, wenn diesen ein in der Sache gemeinsamer Kern zu Grunde liegt. Die Ansätze hierfür sind zumindest klar erkennbar.

Das Offizierkorps ist in der Gesellschaft nur überlebensfähig wenn es sich anpasst.

Auf der anderen Seite müssen wir parallel dazu natürlich mit dem Zeitgeist gehen, dürfen Veränderungen und neue Erscheinungen in der sozialen Zusammensetzung der Gesellschaft nicht verpassen. Diese beiden Pole von Traditionalismus und Wandel sind gewissermaßen gegensätzlich, möglicherweise schwer miteinander zu vereinbaren – und trotzdem muss dieser Spagat gelingen, um ein modernes Offizierbild zu begründen, das auch zukunftsfähig ist. Denn über die Zukunft nachzudenken bedeutet vor allem, sich über seine Vergangenheit im Klaren zu sein. Wie kann diese Gratwanderung also gelingen?
Dabei kommen wieder die altbekannten Tugenden ins Spiel, deren Diskurs sehr schnell langatmig wird. Was den Stand des Offizierkorps in der Gesellschaft anbetrifft, so kommt es darauf an, die Schablone der eigenen Selbstwahrnehmung auf die Außenwahrnehmung der vermeintlichen Restbevölkerung zu legen. Denn eine echte Chance auf Integration, Akzeptanz und Anerkennung durch die anderen Bundesbürger können wir nur dann einfordern, wenn wir uns auch auf das sogenannte ,,Draußen‘‘ einlassen. Im Kern bedeutet das, sich nicht im übertriebenen Kastendenken zu verschließen. Nicht besonders zu sein, sondern gleich zu sein, muss der gesellschaftliche Anspruch des Offizierkorps sein.
Der ehemalige Bundesminister für Verteidigung, Thomas de Maizière, sagte einmal, die Armee solle nicht so sehr nach Anerkennung gieren. Dass die Armee Außergewöhnliches leistet, in Teilen der Bevölkerung darüber jedoch nur ,,freundliches Desinteresse‘‘ obwaltet, ist ungerecht. Auch dass der Offizierberuf ein außergewöhnlicher Beruf sein kann, ist keineswegs untertrieben. In einem Punkt ist der Satz von Thomas de Maizière jedoch sehr bedeutsam, denn es besteht bei allem Verdienst immer die große Gefahr, sich aus falsch verstandenem Elitedenken über andere zu stellen – eine ebenso überhebliche wie triviale Schlussfolgerung. Wer neidvoll auf die Sonderbehandlung der amerikanischen Kameraden in deren Heimatland blickt, der weiß, dass diese dort behandelt werden, als wären sie tatsächlich etwas Besseres. Man verkennt dann jedoch die Realität, denn ein gesundes Verhältnis zwischen der Zivilbevölkerung und der Armee kann es nur da geben, wo echte Gleichberechtigung herrscht.
Der zivilen Welt einen vermeintlichen Sittenverfall und unterlegene Wertvorstellungen zu unterstellen, die durch Disziplinlosigkeit und fehlende Prinzipien gekennzeichnet sei, ist gewagt. Denn Werte und Normen stellen auch die Armee vor eine große Verantwortung und diese Frage ist gewissermaßen hausgemacht. Denn auch wenn Disziplin, Pünktlichkeit und Organisation als sehr positive Tugenden üblicherweise mit der Armee in Verbindung gebracht werden, gilt für andere Tugenden das exakte Gegenteil. Die Risiken einer falschen Erziehung von Offizieranwärtern werden häufig unterschätzt, denn vom Führungsanspruch und dem ,,führen wollen‘‘ ist es nur noch ein äußerst kleiner Schritt zu Wichtigtuerei und ungehobeltem Auftreten. Dies ist besonders folgenreich, wenn in der zivilen Welt durch soziologisch festgelegte Rollenbilder eine negative Bestätigung dieser Rollen stattfindet – hier ist selbst die Ausnahme von der Regel schwerwiegend.
Das Ergebnis ist, dass der Staatsbürger in Uniform, oder besser gesagt der Mitmensch in Uniform das Geheimnis zu Akzeptanz und Gleichberechtigung in der Gesellschaft ist. Die inflationär verwendeten Begriffe wie Bescheidenheit, Demut, Genügsamkeit, aber auch Aufgeschlossenheit, Respekt und Toleranz gegenüber den vermeintlich zivilen Eigenheiten, Unsitten oder neuartigen gesellschaftlichen Entwicklungen, mögen sie der militärischen Welt doch so unendlich fern liegen, sind der Schlüssel zu aufrichtiger Akzeptanz. Dabei mag es immer Bevölkerungsgruppen geben, die keine Bereitschaft zur Anerkennung von Staatsdienern zeigen werden, weil diese nicht in ihr Weltbild passen. Komme was wolle. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass auch sie sich ihrerseits durch ihre unverrückbaren Ansichten letztlich für gesellschaftliche Abgeschiedenheit entschieden haben.
Um den Kreis zur militärtheoretischen/operativen Tradition zu schließen, können wir hier Generalfeldmarschall Moltke anführen, der sowohl hoch gebildet war, als auch bekannt für seine Bescheidenheit und Demut, denn ,,[k]aum ein Offizier in höchster militärischer Verantwortung hat bei so viel Licht so wenig Schatten geworfen.‘‘  In Verbindung mit dem operativen Kunstgriff von 1866, der in der damaligen Fachpresse noch zerrissen wurde , erhob er sich gemäß der clausewitzschen Definition im besten Sinne zum militärischen Genie . Wenn wir uns darüber im Klaren sind, worin die Schwächen einiger jener Persönlichkeiten liegen, dann dürfen wir uns auch ihres positiv behafteten Erbes bedienen. So wie wir es bereits mit Stauffenberg handhaben. Nur so gibt es eine echte Chance, Tradition und Wandel zu verbinden, zu begreifen, wer wir sind, und daraus auch Folgerungen für das Bild des Offiziers zu gewinnen.

Autor: Leonhard, 23

Leutnant, Panzergrenadiertruppe