Die Antwort auf die Frage der Überschrift könnte leichter kaum sein: Die Bundeswehr hat Tradition per Erlass. Bereits am 1. Juli 1965 wurde der Erlass „Bundeswehr und Tradition“[1] des BMVg ausgefertigt. Am 20. September 1982 folgte dann der Erlass „Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr“[2]. In 30 Punkten wird dort formuliert, wie sich die (politische) Führung die Traditionspflege in der Bundeswehr vorstellt.

  1. Tradition ist die Überlieferung von Werten und Normen. Sie bildet sich in einem Prozeß[sic] wertorientierter Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Tradition verbindet die Generationen, sichert Identität und schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Tradition ist eine wesentliche Grundlage menschlicher Kultur. Sie setzt Verständnis für historische, politische und gesellschaftliche Zusammenhänge voraus.

[…]

  1. […] Tradition ist auch eine persönliche Entscheidung.
  2. Traditionsbewusstsein kann nicht verordnet werden.

[…][3]

Doch so sehr hier die Bedeutung von Traditionen für die Bundeswehr herausgestellt wird, so diffus bleibt der Erlass im konkreten. Der explizite Verweis darauf, dass Traditionen vorangegangener deutscher Streitkräfte sich nicht eignen als Traditionen der Bundeswehr. Die deutsche Geschichte und die Besonderheit im Umgang mit dieser gebieten, Traditionen der freiheitlich-demokratisch verfassten Bundeswehr die Geschichte der vorangegangenen deutschen Streitkräfte zuzuordnen und damit zur Last zu legen. Keine dieser Armeen eignet sich als Traditionsstifter. Von den königlichen Armeen des deutschen Bundes über die kaiserlichen Streitkräfte bis hin zu Reichswehr und Wehrmacht. Die Bundeswehr ist ein bis dato einmaliges Gewächs und ein absolutes Novum in der deutschen Geschichte: Eine der freiheitlichen demokratischen Grundordnung verpflichteten und am Leitbild des Staatsbürgers in Uniform und der Inneren Führung orientierte Armee.

Ist man gewillt auch die positive Seite der Diskontuität zu sehen, zeigt sich, dass dies nicht unbedingt einen Nachteil darstellt. Die Geschichte und Tradition vorangegangener deutschen Streitkräfte wären in ihrem gesamten eher eine Last, als eine gesunde Basis. Das dies nicht unbedingt auf jeden einzelnen Aspekt pauschal bezogen werden kann, versteht sich allerdings von selbst. Die Traditionslinien verschiedener britischer Regimenter sei hier als Beispiel angeführt. Diese könne oftmals auf eine Jahrhunderte lange konsistente Geschichte verweisen. Darin unter anderem die Verteidigung Großbritanniens gegen den Sturm der Nazis im zweiten Weltkrieg oder auch UN-Einsätze zu Sicherung des Friedens; Ereignisse also, die durchaus als Traditionsstiftend betrachtet werden können. Doch leider zeigen die Ausstellungen dieser Regimenter oftmals ebenso die Medaillen die in Kolonialkriegen und Unterdrückungseinsätzen überall auf der Welt im British Empire erworben wurden. Eine Armee wie die Bundeswehr wäre durch solche Traditionslinien eher belastet als beflügelt. Von daher ist es wohl auch als Chance zu sehen, dass die Bundeswehr in Sachen Tradition ebenso sich neu finden muss wie in allem anderen.

Doch das bedingt, dass die Soldaten und insbesondre die Offiziere[4], mit dem Aspekt der Tradition in besonderer Weise umgehen und aktiv mitgestalten. Auf Lehrgängen kommt schnell die Sprache auf die drei „Traditionssäulen“ der Bundeswehr: 1. Die Preußischen Reformen, 2. Der militärische Wiederstand in der NS-Zeit und 3. Die eigene Geschichte der Bundeswehr. Der Traditionserlass führt überdies noch Symbole und Zeichen an: Die schwarz-rot-goldene Flagge, den Bundesadler, die Nationalhymne, das Eiserne Kreuz und den Diensteid.

Doch all dies bleibt nur leere Vorschrift, wenn die Soldaten dies nicht für sich annehmen. Dazu gehört aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit der „verordneten Tradition“. So kann durchaus hinterfragt werden inwieweit die Preußischen Reformen zur BRD passen oder ob die Widerständler um Graf Schenk von Staufenberg überzeugte Demokraten waren.

Trotz Erlassen und trotz der Traditionslinien bleibt das Thema „Tradition für die Bundeswehr“ diffus und bedarf der ständigen Auseinandersetzung. Was soll für die Bundeswehr des 21. Jahrhunderts (zwischen Einsatzarmee und Landesverteidigung) Tradition sein? Welche Ideale und Rituale eigenen sich zu einer lebendigen Weitergabe von Tradition?

[1] BMVg Fü B I 4 – AZ 35-08-07.

[2] BMVg Fü S I 3 – AZ 35-08-07.

[3] BMVg: Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr.

[4] „11. Traditionsbewußtsein [sic] zu wecken , ist eine wichtige Aufgabe der Vorgesetzten.“  BMVg: Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr, BMVg Fü S I 3 – AZ 35-08-07.

Autor: Forum Athene

 Sven Krumwieh, 24

Leutnant, Objektschutz Luftwaffe