Wie kann das sein? Was muss passieren?

 

bundeswehr-universitaet-muenchen
Soldaten bei einem Antreten der Bundeswehr Universität. Bild Zeit Online.

Was ist bereits passiert?

Einige junge deutsche Soldaten und Zivilisten, allesamt studiert, haben ernsthafte Anstrengungen unternommen, in Deutschland im Sinne rechtsextremer Überzeugungen zu morden. Terror von ganz rechts, geplant von an der Waffe ausgebildeten Soldaten, Offizieren, die eigentlich die Nachwuchsführungskräfte der Bundeswehr sein sollen. Wie schon in der Vergangenheit ist die Armee nun, da es mal wieder einen Skandal gibt, in aller Munde. Sogar die Verteidigungsministerin interessiert sich jetzt für die Bundeswehr, die, gestern noch ein „Attraktiver Arbeitgeber mit flexiblen Kinderbetreuungsmöglichkeiten“, plötzlich ein Führungs-, gar allgemein ein Haltungs- und Strukturproblemen hat.

Was wie schon in der Vergangenheit innerhalb der Bundeswehr den Eindruck erweckt, dass man sich ja überhaupt nur im Skandalfall für deutsche Soldaten interessiert und die Menschen außerhalb der Bundeswehr ja gar keine Ahnung haben, wie das Militär überhaupt funktioniert, wie die Soldaten der Bundeswehr funktionieren. Mit mildem Lächeln werden im Kameradenkreis dann Witze darübergemacht, wie wehrmachtsnah ja doch alle seien und überhaupt sind ja alle Nazis, da ja auch noch immer quasi-Wehrmachtsutensilien wie der Big Pot oder das MG3 verwendet werden.

Und was außerhalb der Bundeswehr den Eindruck verfestigt, dass in dieser Armee wohl doch eindeutig einiges entschieden falsch läuft. Dass das Offizierskorps wohl vermutlich doch eine Kaderschmiede ist, an den Bundeswehruniversitäten offensichtlich doch NPD-Wähler zu Rechtsintellektuellen ausgebildet werden und überhaupt rechte Gesinnungen doch an der Tagesordnung zu sein scheinen. Dass die Bundeswehr, die man nur noch aus den Erzählung derjenigen Väter kennt, die im Wehrdienst nichts gemacht haben außer rumsitzen, saufen und hin und wieder schießen oder marschieren, irgendwie wohl doch eine Parallelwelt ist, die man nicht versteht.

Wie wird man überhaupt Offizier?

Wenige kennen Soldaten persönlich, haben sie als Nachbarn oder im Freundeskreis und Soldaten bleiben auch oft unter sich. Soldaten sind viel unterwegs, werden versetzt und sind im Auslandseinsatz, oft nur an Wochenenden daheim und haben Soldatenhobbies wie den Schützenverein oder Kampfsport. Soldaten läuft man am ehesten Freitagnachmittags auf den Bahnhöfen der Republik über den Weg, in Nürnberg, Hannover, Berlin, Köln und München. Soldaten sind in Kasernen eingeschlossen und werden beäugt, wenn sie sich außerhalb der Standorte als solche zu erkennen geben. Begegnungen können angenehm sein, man bekommt ein Kompliment für die akkurat sitzende Uniform (geschehen in München), oder unangenehm, man wird bespuckt oder gar verprügelt (geschehen in Thüringen und Dresden).

Stellt man sich als junger Offizier- oder Offizieranwärter in Deutschland vor, bündelt man die Aufmerksamkeit fast jeder Gesellschaft auf sich. Warst du dann auch schon im Einsatz? Musst du dann auch schießen? Dann wirst du ja für das Studium bezahlt?

Wird in den Medien berichtet, dann zeigen die einen Autoren, dass sie offenbar niemals mit der Thematik Militär zu tun hatten, ihre Eindrücke Hollywoodkriegsfilmen entstammen, und die anderen versuchen krampfhaft, Militärjargon zu bedienen um als Experte durchzugehen. „Innere Führung…“ heißt es dann, „…Staatsbürger in Uniform“, Wolf Graf von Baudissin wird genannt, die Parlamentsarmee als „Abbild und Querschnitt der Gesellschaft“. Das alles scheine nicht zu fruchten, nicht gut zu funktionieren, jetzt wo ständig neue Hinweise auf rechte Strukturen in der Bundeswehr entdeckt werden. Regelmäßig genährte Vermutungen werden zusätzlich bestätigt. „In meinem Abi-jahrgang ist auch einer, der zu Bundeswehr ging. Der war aber nicht so gut in der Schule.“

attraktivbild
Bundeswehr Werbung für das Konzept der „Inneren Führung“

Das Idealbild einer in der Gesellschaft verankerten Armee ist, es wird mehr und mehr deutlich, ein Wunschtraum geblieben. Beide kennen sich nicht, tauschen sich nicht aus, meiden einander sogar. Sollen Katastrophen wie die gegenwärtige verhindert werden, muss sich dies ändern. Deutsche Soldaten sind trotz offensichtlicher Anzeichen ihrer rechtsextremen Überzeugungen bis in den Rang eines verantwortlichen Truppenführers im Dienstgrad Oberleutnant aufgestiegen und haben ungestört Mordpläne schmieden können. Dies ist kein Warnsignal mehr, es ist ein Anzeichen für Versagen auf unterschiedlichsten Ebenen. Auf Ebene der ersten Disziplinarvorgesetzten, des Personalamtes der Bundeswehr, der Personalpolitik des Ministeriums. Auf Zug- oder Kompanieebene, in deren Sphären es wieder einmal versäumt wurde, aufgrund offensichtlicher Anzeichen konsequente Schritte auch gegen die eigenen Kameraden zu unternehmen. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, wo das gemütliche Leben im Deutschland Angela Merkels am besten so selten wie möglich mit schmutzigen Themen wie Militär und Kriegern gestört werden soll.

Wie kommt es aber dazu, dass junge Offiziere im Dienstgrad Oberleutnant, die sieben Jahre lang von der Bundeswehr ausgebildet wurden und einen Master an einer der beiden Universitäten abgeschlossen haben, nie mit ihrer rechten Gesinnung auffielen? Oder sogar auffielen, aber trotzdem Offizier werden durften? Wie werden deutsche Offiziere ausgebildet? Was sind das für Leute?

Das Bewerbungsverfahren für die Offizier auf Zeit Laufbahn dauert im Schnitt ein Jahr an. Einer schriftlichen Bewerbung folgt im Erfolgsfall ein Prüfverfahren im Assessementcenter der Führungskräfte der Bundeswehr (ACFüKrBW) (ehemals Offizierberwerberprüfzentrale (OPZ)) in Köln. Dieses Assessementverfahren beinhaltet schriftliche Tests, Einzelgespräche mit oder ohne Psychologen, Problemlösungstests im Gruppenrahmen und einen medizinischen sowie einen sportlichen Test. Die Bewerber sind meist angehende Abiturienten oder „Vorgediente“. Die Altersgrenze für Bewerber wurde nach oben gelockert, sie lag bis vor einiger Zeit bei 25 Jahren. Das mehrtägige Verfahren prüft unterschiedliche Eignungen: zum einen die Offizierseignung, zum anderen die Studieneignung. Der angehende Offizieranwärter soll Potenzial zur Personalführung vorweisen, charakterfest sein und selbstsicher. Er soll außerdem die Fähigkeiten mitbringen, ein Studium an den Bundeswehrhochschulen mindestens mit dem Bachelor abzuschließen. Nur wer beide Anforderungen erfüllt, kann angenommen werden. Einigen besonders vielversprechenden Kandidaten kann schon zu diesem Zeitpunkt das Angebot gemacht werden, Berufsoffizieranwärter zu werden (BOA) und nicht nur OA, also schon von Beginn an die Sicherheit zu haben, auch nach der Verpflichtungszeit als Zeitoffizier von meist 13 Jahren bei der Bundeswehr bleiben zu können.

img_20161023_200957534

Das Auswahlverfahren der zukünftigen Offiziere ist hiermit nicht abgeschlossen. Die Anwärter durchlaufen im Heer einen sechsmonatigen Offizieranwärterlehrgang in den Offizieranwärterbataillonen in Hammelburg oder Munster, in dem militärische Grundfertigkeiten vermittelt werden. Anschließend folgen der Offizierlehrgang Teil I an der Offizierschule des Heeres (OSH) in Dresden, ein Sprachenlehrgang „English for the Military“ in Idar-Oberstein und ein Truppenpraktikum, das normalerweise in einer Grundausbildungseinheit stattfindet. Hier soll der junge Offizieranwärter im Dienstgrad Obergefreiter oder Fahnenjunker bereits erste Führungserfahrungen als Gruppenführer einer Gruppe Rekruten sammeln. Bei der Marine werden diese 15 Monate ausschließlich an der Marineschule Mürwick verbracht. Die Luftwaffe bildet ihre Anwärter in 12 Monaten in Fürstenfeldbruck und bald in Rothenburg ob der Tauber aus. (Ausbildung des Militärfachdienstes und der Sanitäter nicht berücksichtigt). So weit, so normal im Militär. Viel Fahrerei an den Wochenenden, viele Standortwechsel. Oft der Wurf ins kalte Wasser als Ausbildungsmethode.

Studium an den Bundeswehr-Unis und…

Anschließend folgt das Studium, der Ausbildungsabschnitt mit der längsten Stehzeit, entweder an der Helmuth-Schmidt-Universität in Hamburg oder der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg. Die Bundeswehr bietet unter anderem Studiengänge wie Luft- und Raumfahrttechnik, Maschinenbau, Wirtschafts- und Organisationswissenschaften, Pädagogik, Politik, Geschichte, Informatik, Psychologie und Staats- und Sozialwissenschaften an. Die Studiengänge sind bis auf ihre straffe Trimester Struktur mit denen an jeder anderen Universität vergleichbar. Dozenten und Doktoranden sowie Sekretärinnen und die Prüfungsämter, alle Angestellten der Universitäten sind zivil. Nicht alle arbeiten der Bundeswehr wegen an einer der beiden Universitäten. Mit einigen Ausnahmen etwa in politischen oder technischen Fakultäten geben eher die angenehmen Forschungsbedingungen, die disziplinierten Studenten und die kleinen Vorlesungsgruppen den Ausschlag, an die Bundeswehruniversitäten zu wechseln. So gelingt es den Universitäten durchaus, namhafte Forscher an sich zu binden, die zum Teil sogar als Koryphäen ihrer Spezialisierung gelten.

Die universitäre Ausbildung der Offiziere stellt eine große Besonderheit der Bundeswehr im internationalen Vergleich dar. Auf Initiative des damaligen Bundesverteidigungsministers Helmuth Schmidt wurden die Universitäten schließlich 1973 in Betrieb genommen. Die Universitäten waren damals in erster Linie Teil einer Attraktivitätspolitik, und die angebotenen Studiengänge sind im späteren Dienstalltag als Offizier auch nicht immer inhaltlich hilfreich. Trotzdem ist das Studium unverzichtbarer Bestandteil gerade der deutschen Offizierausbildung.

Die Zeit an der Universität gibt den Offiziersanwärtern, die ja noch sehr jung – teilweise mit 19 Jahren – ihr Studium beginnen, die Möglichkeit, sich nicht nur militärisch, sondern auch akademisch und vor allem persönlich zu bilden.

…die Innere Führung

Als die Bundeswehr 1955 gegründet wurde, war sie auf Ebene des Personals nicht zu hundert Prozent von der Wehrmacht zu trennen. Dieses Problem gab es auch in anderen staatlichen Institutionen in Zusammenhang mit ihren Vorgängern aus der Nazizeit. Eine Philosophie musste dringend her, die eine Wiederholung der Fehler der Vergangenheit unmöglich machen sollte. Die Armee sollte nicht wider willenloses Instrument faschistischer Politik werden, die Soldaten Deutschlands nicht wieder Mörder aus stumpfen Pflichtbewusstsein und falscher Eidestreue („…dass ich dem Führer…“).

Die Innere Führung, nur in Umrissen in einer Dienstvorschrift festgehalten, soll diese Philosophie sein. Der Soldat soll am Ende jeden Befehl eigenverantwortlich prüfen, denn es ist ihm verboten, völkerrechtswidrigen oder Befehlen, die schwere Straftaten verlangen, Folge zu leisten. Der militärische Führer darf solche Befehle konsequenter Weise auch erst gar nicht erteilen (Ausnahmen definiert das humanitäre Völkerrecht). Jeder Soldat muss sich vor seiner eigenen inneren Führung verantworten. Jeder Soldat muss die Verantwortung, bewaffnet zu sein und an Kampfhandlungen teilzunehmen, am Ende selbst übernehmen, und kann sich weder auf Befehle, noch Vorgesetzte, noch irgendeinen Eid stützen.

Vom Soldaten wird viel verlangt, schließlich befindet er sich nicht selten in Extremsituationen, in denen schnelle Entscheidungen gefragt sind. Ein gewisser Horizont ist unverzichtbar, um überhaupt in der Lage sein zu können, derlei Entscheidungen so schnell zu treffen.

Noch mehr ist aus dieser Perspektive vom Offizier verlangt, dessen institutionelle Macht es ihm ermöglicht, von seinen Soldaten Gehorsam zu verlangen. Er muss daher über die Weitsicht verfügen, seine Befehle nicht nur an die gegenwärtige Situation, sondern auch an seine Untergebenen anzupassen. Heutzutage muss er in der Lage sein, bei Einsätzen der Bundeswehr politische und kulturelle Implikationen seiner Befehle im Einsatzland abzuschätzen. Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.

Hierfür notwendige Fähigkeiten können aber nicht einfach vermittelt werden. Eigenreflektion und intellektuelles Selbstbewusstsein sind vor allem die Eigenschaften des Akademikers. Dieser eignet sich diese Charaktereigenschaften nicht nur durch passives Hören von Vorlesungen an. Er profitiert von einer Atmosphäre der Bildung und Neugier an einer Universität, und hat die Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Während an Militärakademien wie in Saint-Cyr in Frankreich, in Sandhurst in England straffe Strukturen in der Offizierausbildung vorherrschen und in West Point in den USA die Anwärter in erster Linie zum Gehorchen erzogen werden, sollen deutsche Offiziere erst einmal das Nachdenken lernen. Das Hinterfragen und kritisch denken, wie man es von einem Akademiker auch erwarten darf. Er soll nicht nur in der Lage sein, militärfachlich führungsfähig zu sein, denn im Soldatenberuf selbst kann er den Feldwebeln seiner Einheit zukünftig so oder so kaum das Wasser reichen. Er soll stattdessen in der Lage sein, sich von seiner Positionierung im Militär auch distanzieren zu können, um Entscheidungen mit Weitblick zu treffen, die über den eigenen Tellerrand hinausgehen. Während des Studiums sind zum Beispiel Pflichtpraktika bei der UNO, in alternativen Flüchtlingsheimen mit Hippie Kultur, in Sozialforschungsinstituten mit Schwerpunkt Rassismusforschung und bei den Militärattachés in Südafrika und Indien möglich. In welcher anderen Armee gibt es die Möglichkeit, solcher Erfahrungen zu sammeln? In keiner.

Offiziere an den beiden Bundeswehrunis planen ihre Tage selbst. Nur selten geben die direkten Vorgesetzten im Range eines Kompaniechefs, an der Uni Studentenfachbereichsleiter genannt, Vorgaben. Oft bleibt es den Soldaten sogar freigestellt, ob sie die Vorlesungen besuchen. Sollten sie es nicht tun, rächt sich dies im straffen Trimester System sehr schnell. Alle drei Monate finden die Prüfungen statt und wer eine Prüfung vergeigt, muss sich im nächsten Trimester auf eine noch intensivere Prüfungsphase einstellen. Wer den Bachelor nicht schafft, fliegt. Die Offizieranwärter der Bundeswehr sind selbst dafür verantwortlich, für ihre Bildung zu sorgen. So wie sie später auch für ihre Handlungen verantwortlich sein werden.

Zeit für sich – Zeit wofür?

Sie werden nicht intensiv überwacht, Stubendurchgänge gibt es nicht mehr, immerhin dienen die meisten studierenden Offiziere auch bereits im Dienstgrad Leutnant. Den Vorgesetzten kann man sich als Mentor Vorstellen, der seinen jüngeren Kameraden mit seiner Erfahrung zur Seite steht und öfter mit gutem Rat als mit militärischen Befehl interveniert. Soldaten, die sich zurückziehen oder die universitären Leistungen nicht erbringen, werden etwas genauer aufs Korn genommen. Wer die Leistungen erbringt und sich tadellos verhält, kann auch mal monatelang ohne Kontakt mit dem Chef vor sich hin studieren. Neben dem Studienalltag wird von den Offizieren verlangt, verschiedene organisatorische Aufgaben im Dienstalltag zu übernehmen oder gewisse Rollen im Kompaniegeflecht auszufüllen. Es gibt Sportgruppenbeauftragte, die die sportlichen Leistungen ihrer Kameraden kontrollieren. Es gibt Hausälteste, die für Disziplin und ein geordnetes Miteinander in den „Wohngemeinschaften“ der Unterkünfte sorgen und sich mit den Spießen der Kompanien austauschen. Es gibt wie in anderen Einheiten der Bundeswehr auch Vertrauenspersonen, die ihre Kameraden vor dem Disziplinarvorgesetzten vertreten und ihnen bei dienstlichen oder Persönlichen Anliegen zur Seite stehen. Es gibt Jahrgangsälteste, die für vollzähliges Antreten bei militärischen Veranstaltungen sorgen und dem Studentenfachbereichsleiter als Sprachrohr in den Jahrgang dienen. Es gibt Soldaten, die die Ausbildung ihrer Kameraden beim Schießen und anderen militärischen Komponenten planen und ausführen, was an der Universität alles zusätzlich und nebenher zum Studium passiert.

Dieser auch in der Bundeswehr einzigartige Kosmos soll junge Soldaten zu charakterfesten Offizieren machen. Und von diesen jungen Soldaten wird dabei erwartet, sich in erster Linie selbst zum Offizier zu machen. Alle nötigen Hilfen werden bereitgestellt. Alle Möglichkeiten sind vorhanden. Doch verantwortlich ist jeder Soldat am Ende selbst. Amerikanische Austauschoffiziere begegnen dieser libertären Ausbildungsmethodik oft mit einiger Distanz. Was für seine Richtigkeit spricht.

Soldaten der Bundeswehr gelten im Ausland nicht immer als harte Hunde. Afghanische Soldaten haben mir im Gespräch jedoch immer bestätigt, dass eine weitsichtigere Politik der Bundeswehrsoldaten im Einsatz hauptverantwortlich dafür war, dass die Bundeswehr mehr Erfolge in diesem Stabilisierungseinsatz einfahren konnte als die brachiale Gangart der Amerikaner.

Möglichweise ist dies unter anderem auch auf eine verschiedene Art deutscher Offiziere zurückzuführen, Probleme anzugehen und Situationen zu analysieren. In einem Krieg mit klaren Fronten könnte die Bombe einer ferngesteuerte Reaper Drohne alle Probleme lösen. In modernen Einsatzszenarien schafft sie meist mehr Probleme als sie löst, hilft Dschihadisten bei der Rekrutierung weiterer Kämpfer und lässt überhaupt die Frage aufkommen, wer am Ende der Terrorist ist.

In den meisten Fällen ist die Ausbildung der Offiziere der Bundeswehr ein Segen für diese Parlamentsarmee.

In den meisten Fällen. Denn die weiten Zügel in der Ausbildung ermöglicht es den braunen Schafen, die es wohl in jeder Armee gibt, auch in jeder Polizei und den meisten anderen staatlichen Behörden, (öfter in jedem Fall als rote Schafe) unter dem Radar zu bleiben und subtil ihre Überzeugungen zu propagieren. Diesen Personen erscheint die postheroische Gesellschaft als Gegensatz von und unvereinbar mit dem Militär, sie wollen den kämpfenden Soldaten, den Spartaner, nicht den nachdenklichen Athener. Endlich wieder richtig Armee, nicht so politisch alles, nicht so kompliziert, lieber einfach. So wie es schon mal war, mit preußischen Tugenden und Kampfgeist. Militärische Härte und Rekruten anschreien, weil sie das Gewehr nicht bedienen können, das sie zum ersten Mal in ihrem Leben in den Händen halten.

Radikalisierung im Studium

Diese Haltung ist in verschiedenen Ausprägungsarten tatsächlich anzutreffen. Aus eigener Erfahrung kann ich behaupten, dass es selten die leistungsschwachen Soldaten sind, die so denken. Dass auch diejenigen, die sportliche Tests nicht bestehen, durch die siebenjährigen Ausbildung geschleift werden, dass auch der dicke und schlecht rasierte Infanterieoberfähnrich trotz schlechter Leistungen im Studium bald Leutnant wird, nervt sie. Schnell kommt hier eine wohl auch historisch diskussionswürde Überzeugung zustande, Soldaten der Wehrmacht hätten wenigstens ihr Handwerk beherrscht. In der Bundeswehr sollte es besser wieder so werden. Was überhaupt falsch daran sei, die Wehrmacht als militärisch Vorbild zu nehmen, schließlich waren die militärischen Leistungen der Wehrmacht ja auch bemerkenswert. Von dieser noch relativ unverfänglichen Meinung zu der ahistorischen Ansicht, die Wehrmacht hätte keine Schuld an den Verbrechen der Nazizeit, ist der Übergang fließend. In einem Dickicht aus Selbstbetrug, Stolz und Eitelkeit sowie Militarismus finden radikale Denkweisen ihren Nährboden.

Wer so denkt, dem hilft auch ein breites Studium der Staats- und Sozialwissenschaften nicht weiter, wie es bei einem der Verdächtigen im Fall Franco A. der Fall war. Selbst eine noch so fundierte Analyse der Entstehung von Nationalismen, der Soziologie der Macht oder Geschichte der Menschenrechte kommt gegen die Sturheit eines so verrannten an. An den Universitäten der Bundeswehr hat es eine solche Person leicht, sich seinen „eigenen Themen“ zu widmen. Niemand wird ihm dabei hereinreden, denn er kann es ja in Ruhe auf seiner Einzelstube tun. Er muss dazu auch nicht in die Vorlesungen gehen, denn er findet ja alles im Internet. Die Stärke der Ausbildung an der Universität ist auch eine Gefahr. Fehlgeleitete werden ihren Weg so lange weitergehen, bis es zu spät ist, bis er möglicherweise sogar in die Katastrophe mündet.

Die Bundeswehr hat Probleme genug geeignetes Personal zu finden. Und so gibt es auch unter den Offizieren ungeeignete, die neben vielen leistungsstarken Kameraden durch das System geschleift werden, damit das Personalamt dem Ministerium gefüllte Statistiken vorlegen kann. Unfähigkeit, Radikalität oder „charakterliche Nichteignung“ ist in einem Offizieranwärterjahrgang aber nicht zu verbergen. Man verbringt viele Jahre miteinander, lebt miteinander und trägt den anderen auch mal auf den Schultern durch den Wald. Der Buschfunk tut sein Übriges.

Die Bundeswehr muss mehr Mut zur Entlassung ungeeigneten Personals haben

Aktionen bleiben derweil aus. Das Forum Athen bemüht sich um Mitstreiter und Diskussionspartner unter den jungen Offizieren. Sogar heute, als das Interessensfeld „Offizierausbildung und Innere Führung“ dermaßen stark in der Öffentlichkeit steht, will niemand das Wort ergreifen. Soldaten dürfen sich nicht politisch beteiligen – als Soldaten. Als private natürlich schon. Leider sind es oft die braunen Schafe, die mit politischer partizipationsfreude auffallen. In der AFD oder jetzt als Terroristen, es ist absurd. Wie überall sonst in Deutschland halten die Normalos die Klappe und überlassen den Schreihälsen das Feld. So wurde an den Universitäten der Bundeswehr wahrscheinlich schon im Kameradenkreis weggeguckt. Nicht verantwortlich wäre man, sei man, könne ja nichts tun, der Chef habe das zu entscheiden, so in der Art. Der Chef sagt dann das Gleiche. Das Personalamt oder der entsprechende Entscheider kennt nur irgendwelche Akten, und entscheidet vielleicht am Ende aufgrund irgendwelcher Zahlen.

Ungeeignete Soldaten bleiben so weiter dabei, eher geduldet als unerkannt. Sogar unter den Zeitoffizieren, die eigentlich nichts Anderes machen als ein 13-jähriges Auswahlverfahren zum Berufsoffizier zu durchlaufen. Die Bundeswehr soll ja auch ein ganz normaler attraktiver Arbeitgeber sein, in dem man Pilot wird, Panzer fährt und im schicken Flecktarndesign sein Studium bezahlt bekommt. Statt ein „zu wenig“ in Kauf zu nehmen, das dafür auch reinpasst in die Armee, wird möglichweise ungeeignetes Personal schulterzuckend geduldet. Rigorosität fehlt in Personalfragen ausgerechnet in einem Berufszweig, den seine Rigorosität in Fragen zu töten und getötet werden von anderen unterscheiden.

Die Ausbildung der Offiziere ist so wie sie ist gut, aber sie lässt Freiraum für ungeeignete Kandidaten und sogar Radikale.

Jetzt Schriftzüge in und Namensschilder an Kasernen zu übertünchen, verändert gar nichts.

Schlechte Personal muss rausgeworfen werden. Gutes Personal soll eingestellt werden, und das beginnt auf Ministerialebene.

Autor: Raphael Breuer